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Colloro - einst und heute
 



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Von Luca Chessa, Colloro
Übersetzung: alpi-ticinesi.ch

Einführung

Wer auf der neuen Simplon-Autostrasse mit einem Minimum von geografischem Interesse durch das Val d'Ossola fährt, wird ein Fleckchen Land auf der steilen Südwestflanke des Pizzo delle Pecore entdecken. Im Winter ist die Ansicht noch auffälliger, weil das Land besonnt ist, ganz im Gegensatz zu den frostigen und schattigen Ufern des Toce. Es gibt ein Sprichwort, dass perfekt zur Atmosphäre des Ortes passt: "Ein sonniger Wintertag, in Colloro ist bereits halb Frühling." Colloro ist ein Ortsteil von Premosello Chiovenda, 500 Meter über dem Meeresspiegel gelegen. Die Ursprünge des Dorfes stammen aus dem frühen Mittelalter. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs waren alle Häuser noch bewohnt und das Land wurde von grossen Terrassen mit vielen landwirtschaftlichen Kulturen umgeben und glich einem sonnigen Garten. Colloro befindet sich innerhalb des Nationalparks Valgrande, denn die künstliche Parkgrenze verläuft ausserhalb des eigentlichen Val Grande, nämlich am Rand des Ossola. Colloro bildet lediglich den historischen Zugang zum Herzen des Valgrande. Die Sennen aus Colloro waren die letzten Älpler, die die armen und fernabgelegenen Alpen aufsuchten, auf die die Hirten des Val Vigezzo aus Malesco und diejenigen des Valle d'Osoola aus Trontano verzichteten. Die Hirten von Premosello und Colloro haben hartnäckig ihre Arbeit bis in die 60er Jahre hinein fortgesetzt. Es war ein Collorese, der 1969 mit der letzten Alpsaison in Serena das Ende der Präsenz des Menschen im Val Grande besiegelte.

Der Pizzo delle Pecore entsendet einen langen Grat in die Ossola-Ebene bei Vogogna. Auf der Südseite dieses Grats, in günstiger Lage vor kalten Winden aus den Alpen geschützt, aber gleichzeitig exponiert gegen die schwache Wintersonne gelegen, befinden Capragasich bis auf eine Höhe von fast tausend Metern hinauf kleine Dörfer, die unter dem Namen Capraga bekannt sind. Tatsächlich aber lassen sich drei verschiedene Siedlungen ausmachen, die Satelliten von Colloro sind: Biogno, Bartolo und Sasso Termine. Colloro ist ein typisches Bergdorf, sein Name stammt aus dem Lateinischen corylus bzw. colorus, was soviel wie "Ort der Steine" bedeutet. Die Deutung des Namens Capraga lässt hingegen viel Raum für die Phantasie, denn die Ziegen (capre) sind auch heute noch dort zuhause. Capraga war seit Jahrhunderten eine ganzjährig bewohnte Siedlung (1798 waren es 237 Einwohner), dann hat langsam die Migration eingesetzt und die Einwohner folgten den Verlockungen der Beschäftigung in der Industrie im Tal. So ist die Bevölkerung bis 1965, als die letzte Bewohnerin Clotilde Primatesta starb, erodiert. Doch auch heute noch ist den Sommer über Giovanni Piolini mit seinen Ziegen in Biogno. Nicht zu vergessen zwei weitere ältere Menschen, die bis zum Jahr 2007 - nur in Begleitung einiger Ziegen - fast ganzjährig in Sasso Termine lebten: Luisa Bionda und Elia Pella. In jungen Jahren wirtschafteten sie in In la Piana, heute beliebter und wichtiger Etappenhalt an der klassischen Durchquerung des Val Grande. Heute belagert der Wald die Ruinen und die verlassenen Häuser. Man sieht die Terrassierung in regelmässigen Reihen, die einst den steilen Hängen des Berges abgerungen wurde und kann sich die mühsame landwirtschaftliche Tätigkeit gut vorstellen.


Alpwirtschaft zu Colloro

Das ökonomische Modell, dass das Überleben der Einwohner bis vor rund einem Jahrhundert im Alpenraum erlaubte, wird von den Anthropologen als Alpwirtschaft bezeichnet. Das Modell ist einzigartig und entstand weltweit nur in den Alpen und im Himalaya. Im Vergleich zu anderen Formen der Landnutzung wie der sesshaften Landwirtschaft, dem Nomadentum oder der Wandertierhaltung benötigt dieses wirtschaftliche und soziale System zwei Arten von Böden, nämlich das produktive Ackerland und die Weide, und zwei Typen von Siedlungen, das Dorf und die Alp. In der Praxis ist das Vieh im Winter in den Ställen mit den Heuvorräten und stellt somit das Bindeglied zwischen der Landwirtschaft und der Viehzucht dar. Dieses Modell passt gut zur Grösse einer Familie und variiert je nach Höhenlage des Dorfes. In den Talböden herrscht die Viehzucht vor, während in den höhergelegenen Dörfern die Bodenbewirtschaftung dominiert, die in Dörfern oberhalb 1000 Metern nahezu ausschliesslich vorzufinden ist.

Stellen wir uns eine Gemeinschaft vor, die ihr Überleben ausschliesslich aus den natürlichen Ressourcen des bewirtschafteten Gebiets sichert. Alles hat seine genaue Funktion und nichts ist überflüssig. Jeder Winkel des Landes wird nicht nur für die Nahrungsmittelproduktion verwendet, sondern auch für den Bau von Häusern und Anlagen. Natürlich ist ein Minimum von Handel erforderlich, um die wenigen Dinge, die nicht verfügbar sind, zu erhalten. Doch im Grunde haben wir es mit einer geschlossenen Gemeinschaft zu tun. Wenn wir bedenken, dass dieses Modell des alpinen Lebens definitiv erst vor einem Jahrhundert verschwand, so verstehen wir, dass der Sprung zur Industriegesellschaft ein historischer Schritt war. Colloro ist hier keine Ausnahme: Seit Jahrhunderten wurde das gesamte Umland des Dorfes sehr intensiv genutzt. Dies zeigen die im Mittelalter erbauten Terrassen, wo bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs Landwirtschaft und Weinbau betrieben wurde. Die terrassierten Flächen wurden nicht als Wälder, Wiesen und Weiden genutzt. Auf den dafür vorgesehenen Felder wurden hauptsächlich Roggen, Buchweizen und Hirse, seltener Weizen und Gerste angebaut. Rüben und Bohnen waren das wichtigste Gemüse in vielen kleinen Gärten rund um die Häuser. Ende des achtzehnten Jahrhunderts ersetzten Kartoffeln allmählich den Anbau von Gerste, Rüben und auch Mais; vor allem in Premosello. Der getrocknete Mais wurde zu Mehl und Griess verarbeitet und diente als Grundlage für die Polenta. In dieser Zeit wurde Milch für die Bergbewohner zum Hauptnahrungsmittel. Die Fasern für Kleidung, Taschen und andere Alltagsgegenstände wurden aus Hanf, das in der Umgebung angebaut wurde, hergestellt.

Um Colloro und im gesamten Ossola hatte der Weinbau eine grosse Bedeutung. Die duale Landnutzung war sehr häufig: Unter den Reben wurde Ackerbau praktiziert, meist mit Roggen oder Hackfrüchten, oder es wurde geheut. Gelegentliche Obstbäume wie die Walnuss, die Maulbeere oder die Kirsche ergänzten Pfähle oder Steinsäulen zur Stützung der Reben. Die Dominanz des Weinbaus in Colloro ist durch die im Herzen des Dorfes gelegene, bemerkenswerte Weinpresse (torchio) aus dem siebzehnten Jahrhundert dokumentiert. Sie ist in sehr gutem Zustand erhalten, wenn auch nicht funktionstüchtig. Ihre sieben Meter langen rechteckigen Balken schliessen an eine lange Holzschraube von mehr als drei Metern Länge an. Angekettet ist ein grosser Stein von etwa dreissig Pfund; ein Meisterwerk der Ingenieurskunst! Sie kann einen Druck von mehr als sechzig Tonnen erzeugen. Das steinerne Becken in der Mitte des Gebäudes steht unter einem solchen Druck, dass der zurückbleibende Trester austrocknet. Die Erzeugung von Wein war jedoch begrenzt und diente nur den Bedürfnissen der Einwohner von Colloro. In einem Nebenraum befindet sich eine Mühle für Nüsse: Die geschälten Früchte wurde in ein Hanftuch eingewickelt und mittels eines Steinrades ausgepresst. Man erhielt so ein ausgezeichnetes Öl für Gewürze. Bei einem zweiten Pressvorgang wurde die Masse etwas erwärmt und man erhielt Öl für Lampen und Laternen, die lüm. Der übrigbleibende Rest wurde als Futter für die Schweine genutzt.

Es gab in Colloro eine grosse Menge verschiedener Pflanzungen, trotz der beschränkten Nutzfläche. Dieses Modell der Landwirtschaft führte zu einem gegenseitigen Wettbewerb zwischen den verschiedenen Kulturen und ging auf Kosten der Erntemenge, wurde aber Biognofür die Vielfalt der Produkte akzeptiert. Eine herausragende Rolle spielte die Kastanie, in Colloro und im gesamten Ossola auch árbul gennant. In der Römerzeit aus dem mediterranen Raum eingeführt, hat der Baum hier ein ideales Umfeld zwischen 200 und 1000 Metern gefunden. Auf der Alpensüdseite war er mehr als nur ein Baum, er war der "Brotbaum" der alpinen Bevölkerung par excellence. Ein einzelner Baum lieferte Nahrung während fünf Monaten für eine ganze Familie. Um die Kastanien möglichst lange haltbar zu machen, wurden sie mit einem Holzhammer (al pic) bearbeitet und geräuchert. In den alten Häusern von Colloro ist die gràa noch sichtbar, das Gitter über dem zentralen Kamin, wo diese Arbeiten durchgeführt wurden. Unter den Kastanienbäumen war in der Regel eine gemähte Wiese, an steilen und felsigen Ortern auch eine Weide. Auch das Holz der Kastanie war kostbar, tatsächlich wurden alle hölzernen Teil der Dächer in Colloro aus diesem Holz gefertigt. Das Holz wurde im Niederwald gewonnen und diente als Rundholz beim Bau, als Material für die Herstellung von landwirtschaftlichen Geräten und als wichtigstes Brennholz. Selbst das Kastanienlaub wurde verwendet, als Streu für das Vieh, später auch als Dünger. Die jüngeren Bäume wurden als zusätzliches Futter für die Tiere genutzt. Darüberhinaus lieferte der Baum im Frühling wertvollen Kastanienhonig. Nicht zuletzt ist die Kastanie auch deshalb bemerkenswert, weil sie mit geringen Ansprüchen auch an vielen Fels- und Steilhängen wächst, wodurch eine wirtschaftliche Nutzung auch auf unproduktivem Land möglich ist.

Alle Grundstücke, die nicht als Felder oder Weinberge genutzt wurden, waren Heuwiesen. Auf ihnen wurden häufig Obstbäume gepflanzt, um einen möglichst hohes Ertrag zu erzielen. Doch rund um Colloro gab es nur sehr wenige Heuwiesen, denn der Futterbau fand hauptsächlich im Talboden von Premosello statt, wo man im Jahr drei Schnitte (maggese - Mahd, arigorda - Ehmd, terzarolo) vornehmen konnte. Und hier finden wir einen besonderen Unterschied im Vergleich zu anderen ländlichen Gemeinden in den Bergen: Die Mehrzahl der Ställe mit den Tieren befand sich in Premosello, wo man den ganzen Winter über blieb. Im kleinen landwirtschaftlichen Familienbetrieb in Colloro überwog die Landwirtschaft gegenüber der Viehzucht. Jede Familie hatte gewöhnlich zwei oder drei Kühe, ein Dutzend Ziegen und Hühner und ein Schwein. Man war allerdings auch Eigentümer der Parzellen im Tal, entlang des Toce und in Premosello. Die Ältesten des Dorfes können sich noch daran erinnern, dass im Winter jeweils bei Sonnenaufgang und -untergang eine Kette von Laternen die Wege von Colloro nach Premosello erleuchteten. Es waren meist Frauen, die mit einem Korb voll getrocknetem Kastanienlaub zu den Tieren in Premosello gingen. Sie reinigten die Ställe, erneuerten die Streu, molken die Kühe und brachten neues Heu, das normalerweise auf dem Dachboden der Scheune, der cascina, gelagert wurde. Die Milch wurde zur gemeinschaftlichen Molkerei in Premosello zur Herstellung von Käse und anderen Milchprodukten gebracht. Diese Arbeit mit ihren mühsamen Märschen erfolgte zweimal täglich, sowohl bergauf und bergab! Schnee, Wind oder Regen waren kein Hindernis für diese Menschen, stark und zäh, die die 300 trennenden Höhenmeter von Premosello nach Colloro mit Leichtigkeit überwanden.

In der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts besassen die Bewohner von Premosello und Colloro mehr als siebzig Weiden im Val Grande. Von den nahgelegenen im Ossola (Capraga, Colla, Curtèt, Salér, Stavelli) bis zu den am weitesten entfernten, die die Hirten von Beura, Cardezza, Trontano und Malesco längst aufgegeben hatten. Sie wurden entweder über die 1728m hohe Colma oder über die 1881m Bocchetta dell'Usciolo erreicht. Zehn Stunden zu Fuss liegen die Alpen von Giavine, Löcc di sopra, Valle Rossa, il Cöcc, Straolgio, Campo und Valle Aperta von Colloro entfernt. Für diejenigen, die Alpe Serena kennen, stelle man sich vor, dass dies lediglich der halbe Weg zwischen Colloro und den weiter entfernten Weiden war: Ein langer Weg - einer von vielen. Während des Zweiten Weltkriegs sömmerten die Bewohner von Premosello und Colloro 800 Kühe, 3000 Ziegen sowie mehrere hundert Schafe auf ihren Alpweiden. Auch die Gebiete jenseits des Toce, die Höhen von Anzola, Megola und Pieve Vergonte und sogar die Gebiete derColloro Campello Monti, von Forno und Massiola und an der Cima del Massone wurden zur Beweidung genutzt. Nicht alle Familien aus Colloro stiegen mit den Tieren auf die Alp, einige vertrauten ihre Vieh den Sennen an, was als scuciùn bezeichnet wurde. Der Senn war verantwortlich für die Vermietung der Weide. Dazu hielt man eine öffentlichen Versteigerung ab. Diese wurde mit dem traditionellen Ritual der brennenden Kerze durchgeführt: Wenn die Kerze erloschen war, beendete das letzte Angebot die Auktion. Diese Aufteilungsmethode wurde auch für die kommunalen Wälder verwendet. Der Senn war eine Autoritätsperson, denn er war verantwortlich für die anvertrauten Tiere und er war der Meister in der Herstellung von Butter, Käse und Quark (masaret). Die Menge des hergestellten Alpkäses wurde dann im Verhältnis zu der Menge der Milch, die jede Kuh lieferte, aufgeteilt und etwa ein Drittel war für den Senn bestimmt. Etwa Mitte Juli unterbrachen die Colloresi die Heuernte, um die Sennen und ihre Tiere auf den Weiden zu besuchen. Man beobachtete gemeinsam das Melken und kontrollierte die Menge der produzierten Milch. Es war auch die Gelegenheit zum feiern, ein Festessen mit Polenta zu kochen, oder vielleicht ein Huhn zu schlachten. Das Alpleben war hart und arbeitsreich, aber man war zufrieden mit einem Gefühl von Freiheit. Die Jungen kümmerten sich um das weidende Vieh, und die Frauen gingen an regnerischen Tagen mit der Sichel (mèula) in die für Kühe zu steile Hänge heuen. Man ging immer con i scarp dal cucù (mit Kuckucksschuhen), das heisst barfuss. Mit der Zeit bildete sich auf den Fusssohlen so viel Hornhaut, dass man über Steine und sogar Kastanienschalen laufen konnte. Das Bedürfnis nach Weiden liess die Colloresi selbst an den unzugänglichsten Orten Alpen errichten um ihren Lebensunterhalt sicherzustellen. Oberhalb Colloro finden wir einige: Die Alpen Ludo Albòch, Balma, Bèula und Vallard thronen in unglaublicher Lage an den Hängen des Pizzo delle Pecore. Kälber und Rinder waren die einzigen, denen nicht schwindlig wurde. Wegen der Gefährlichkeit der Plätze wurde das Vieh die ganze Zeit über an die Kette gezwungen, und das Gras wurde mit der Sichel gemäht und mit dem Korb in die Futterkrippe gebracht. Steht man auf dem grasbewachsenen Sattel der Alpe La Colla, so kann sich niemand vorstellen, dass einige Dutzend Meter weiter die strà di vacch durch die ausgesetzten senkrechten Felswände ansetzt, um auf die Weiden der Alpe Curtet gelangen zu können.

Paulìn Primatista wurde 1899 geboren und war Pfarrer in Colloro und für 70 Jahre Senn im Val Grande. Ende September 1969 traf Andrea Primatesta aus Colloro Paulìn auf der Colma. Er erinnert sich: "...die Kühe weideten auf der Colmi. Er kam das letzte Mal von der Alpe Serena mit den Tieren und sah aus wie ein biblischer Patriarch. Er sagte zu mir: 'sta vôta a gho la ciau in tasca'. Es bedeutete, dass es keine Rückkehr geben werde. Er blieb eine halbe Stunde um mit mir zu reden, warf den letzten wehmütigen Blick ins Val Grande und drehte ihm den Rücken für immer zu." Mit ihm endete die Beweidung des hochalpinen Teils des Val Grande, doch in unserer Region wiederholte sich dieser Abschied tausende Male. Bis zum Ende des siebzehnten Jahrhunderts waren viele Männer gezwungen, ihre Heimattäler in ganz Europa zu verlassen und auf der Suche nach Arbeit nach Amerika zu migrieren. Es war die einzige Hoffnung, aus der Armut herauskommen. Doch die Massenflucht aus den Bergdörfern, besonders in der Region Piemont, wurde durch die Industrialisierung im späten zwanzigsten Jahrhundert verursacht. Zu dieser Zeit gab es einen völligen Zusammenbruch des landwirtschaftlichen Systems, weil die Entvölkerung zum Rückzug vieler Arbeitskräfte aus der Landwirtschaft geführt hatte. Viel produktives Land ist aufgegeben worden, und viele Arten, einst intensiv gepflegt, wie die Weinrebe, fast verschwunden. Unter dem Einfluss des Wirtschaftswunders nach dem Zweiten Weltkrieg wurde dieser Trend beschleunigt und führte zur fast vollständigen Aufgabe der Landwirtschaft. Viele Traditionen desländlichen Lebens wurden aufgegeben, auf die Gefahr hin, für immer vergessen zu werden. Der Vergleich der Landnutzung der Jahre 1867 und 1999 in Colloro bestätigt eindeutig diesen grossen historischen Wandel. Mit dem Weggang der Sennen wurden nicht nur Häuser, Ställe, Wiesen und Weiden aufgegeben, sondern geht auch die Auflösung des Ganzen, der herrlichen Bergkulisse mit ihrem traditionellen, kulturellen und historischen Erbe einher. Mit dem Niedergang der Alpwirtschaft begann das frühindustrielle Zeitalter im Ossola. Die Industrie siedelte sich mehr oder weniger an den Mündungen der Seitentäler an, gefördert durch die Fülle des dort verfügbaren Stroms, der durch die zahlreichen Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts erbauten Staubecken erzeugt wurde. Hauptsächlich die metallurgische und chemische Industrie ist verantwortlich für die grossflächige Verschmutzung des gesamten Gebiets. Auch beeinträchtigte sie die Gesundheit der Bevölkerung, vor allem der Arbeiter, die dort arbeiteten. Es ist das Ergebnis einer schnellen wie blinden Entwicklung, wie man auf sie überall im Verbano-Cusio-Ossola stösst. Die Erfahrungen und Kenntnise des natürlichen Zusammenlebens der alpinen Kulturen wurden dauerhaft gelöscht. Vergleicht man die Beschäftigungs- und Lohnentwicklung, so war es allerdings eine aussergewöhnliche Gelegenheit für die Bergbewohner. In den Bergregionen beginnt der grosse Bevölkerungsrückgang und die kleinen Zentren des Ossola werden zu Städten. Eine Entwicklung von der Premosello glücklicherweise weitgehend verschont blieb. Die Fahrstrasse nach Colloro wird erst im Jahr 1954 erbaut. Diese Isolierung hat die Fortführung der Landwirtschaft in diesem Teil des Gebiets gefördert. Bis in die 60er Jahre hinein und auch heute noch gibt es einige Bauernhöfe in Premosello. So wurde für mindestens ein halbes Jahrhundert im Ossola der Arbeiter in Gestalt eines Bauern geboren. Das Val d'Antrona ist das ausgeprägteste Beispiel für dieses Phänomen, doch auch in Colloro war es verbreitet: Man verwendete die Löhne der Fabrikarbeiter, um Waren und Dienstleistungen für die Familie einzukaufen und blieb mit einer Teil-Landwirtschaft weiterhin fast vollständig unabhängig von der Lebensmittelversorgung. Dieses Modell funktionierte fast siebzig Jahre lang bis zum Zweiten Weltkrieg. Doch seltsamerweise wird es in Colloro, wenn auch in bescheidenen Verhältnissen und unterschiedlichen Ausprägungen, bis heute noch von einigen praktiziert. Ältere Menschen erinnern sich noch an das Pendeln zwischen dem Dorf und Pieve Vergonte, dem Zentrum der chemischen Industrie, die Hunderte von Arbeitern anzog: "Als es noch dunkel war liefen wir schnell nach unten bis Premosello. Hier nahmen wir das Fahrrad und fuhren die sechs Kilometer bis zum Fabriktor. Nach der Fabrikarbeit kehrten wir zurück ins Heimatdorf um noch ein bisschen auf den Feldern oder in der Scheune zu arbeiten." Jeden Tag - Sommer wie Winter. Dies wäre heute undenkbar. Für die Colloresi - gewöhnt an hartes Arbeiten - war das nur normal.


Resistenza in Colloro und Premosello

Das Val Grande war seit jeher sehr wichtig für die Holzwirtschaft. Im Jahre 1943 installierte die Industria Boschi Alta Italia (IBAI) aus Milano eine grosse Seilbahn, um das Holz aus dem Val Gabbio im Herzen des Valgrande über die Colma nach Premosello zu transportieren. Im Umfeld dieses Unternehmens sammelten sich erste Männer und Soldaten, die nach den tragischen Ereignissen des 8.September nicht beabsichtigten sich dem Faschismus unterzuordnen, sie wählten stattdessen die Berge. Colloro spielte eine wichtige Rolle im Befreiungskrieg. Dank seiner Position, ohne Strassen und vor den Bergen des Val Grande gelegen, war es das Lieblingsnest der Partisanen im Ossola. Nebst dem Hauptquartier von Major Dionigi Superti waren Hauptmann Beltrami (später gefallen in Megola), Hauptmann Antonio Di Dio (auch er später gefallen in der Schlacht von Megola), Oberst Vittorio Pieri und Oberstleutnant Attilio Moneta in Colloro untergebracht. Dionigi Superti war bei der IBAI Manager und er war der erste Anführer der Aufständischen. Er gründete die Division "Valdossola", die aus jungen Menschen jeder Klasse bestand. Jedes Dorf und jede Stadt war vertreten, denn fast alle flohen vor den Repressionen des Nazi-Regimes. Unter ihnen waren auch mehrere junge Soldaten einer Kompanie aus Premosello. Erminio Ragozza beschreibt in seinem Buch "Aria di casa nostra" ein auffälliges Merkmal: "...viele von ihnen waren südlicher Herkunft aber man akzeptierte sie als Colloresi. In vielen Häusern übernahmen sie einfach die Pflichten und Aufgaben von Abwesenden." Weiter schreibt Ragozza: "In Colloro gab es keinen einzigen Spitzel. Zu jeder Tages- und Nachtzeit standen den kämpfenden Partisanen alle Türen offen. Oft war es die Tür des Priesters Don Carlo Tosi, die zuerst geöffnet wurde."

Für die Versorgung der Partisanen in Colloro waren zum grossen Teil die Frauen und Mädchen zuständig. Versteckt in den Tragekörben (gerli) trafen aus Premosello Lebensmittel und Munition bei der "Valdossola" in Colloro ein. Ein paar Lire oder eine Handvoll Zucker, dies war die bescheidene Entschädigung für Risiko wie Mühsal. Im Spätherbst 1943 liess sich in Premosello eine faschistische Garnison nieder, was die Partisanen dazu zwang, Colloro zu verlassen und via Colma ins Val Grande zu ziehen. Im Dorf wurde ein Dienst organisiert, um die Partisanen zu versorgen. Während der Alpsaison unterstützen die Sennen die Partisanen im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Der Beitrag zum Befreiungskampf durch die Bevölkerung von Colloro und Premosello war jedenfalls aussergewöhnlich.

Am 4.Mai 1944 gelangten erstmals Waffen, Munition und Verpflegung ins Val Grande, teilweise von den Alliierten geliefert. Aus der Luft gab es weitere Unterstützung am 30.Mai, als über dreihundert Mann der "Valdossola" Angriffe auf feindliche Stellungen ausführten. Doch am 10.Juni begannen rund 16'000 Mann - Faschisten, SS-Truppen und Alpenjäger - das Val Grande einzukesseln. Sie wurden auch aus der Luft, durch Panzer und schwere Geschütze unterstützt. Die Geschichtsbücher errinnern an diese Tragödie im Juni 1944 unter dem Namen Rastrellamento. Es war die schrecklichste Zeit für die Partisanen des Ossola wie auch für die Zivilisten rund um das Val Grande. Während rund zwanzig Tagen suchten Soldaten und Hunde nach den versteckten Partisanen. Die Weiden wurden in Festungen verwandelt und die Hirten aus Premosello und Colloro fanden sich auf den Alpen des Val Grande unversehens inmitten eines infernalischen Kampfgeschehens wieder. Der Preis, den die bescheidene Bergbevölkerung zu zahlen hatte, war hoch: Über zweihundert Hütten wurden niedergebrannt, viele Älpler und sogar einige Kinder wurden ermordet. Überall gab es die schrecklichsten Gemetzel und Massaker, besonders in den Bergen. Mehr als 300 Partisanen wurden bei dieser Operation getötet. Ihr Widerstand, die historische Resistenza, begründet die Fundamente unserer heutigen Demokratie.

Nach den Kämpfen gelangten die wenigen Überlebenden zurück nach Colloro. Nur mit viel Glück entkamen diese Männer dem engmaschigen tödlichen Netz der Nazi-Truppen. Die Wege lagen unter MG-Feuer, im Bahnhof Premosello richtete gar ein gepanzerter Zug seine Gewehre gegen den Berg. Bis Ende Juni, als die Deutschen ihren Feldzug gegen die Partisanen beendeten, erreichten 54 Collorovon Supertis Männer in erbärmlichen Zustand nach Colloro. Auch dieses Mal leisteten die Colloresi Soforthilfe. Das Haus des Priesters Don Carlo Tosi wurde zum Lazarett für die Verwundeten. Noch unter dem Eindruck der Ereignisse setzten die Partisanen ihren Kampf fort. Am 14. Juli stoppte eine Patrouille der "Valdossola" einen Zug mit Faschisten im Bahnhof von Cuzzago. Fünfzehn von ihnen wurden auf die Colma gebracht und dort von den Partisanen erschossen. Anschliessend erlangte die "Valdossola" die Kontrolle über die gesamte Simplonlinie und blockierte die tägliche Lieferung von fast 3000 Tonnen Eisen an die Kriegsbetriebe. Sie sabotierte auch Stromleitungen und lähmte damit 50% der Industrie im Grossraum Mailand. Die fortgesetzten Sabotagen liessen beim Feind den Eindruck entstehen, dass die Einheiten aus weit mehr Männern bestanden, als dies tatsächlich der Fall war. Die Deutschen wurden unsicher, doch planten sie bereits einen Vergeltungsschlag auf Premosello: Am 29.August 1944 kamen gegen neun Uhr morgens einige Lastwagen der Nazis aus Baveno. In den Strassen von Premosello begannen wilde Schiessereien und auf die Häuser wurden Handgranaten geworfen. Gruppen der Schwarzen Brigaden und betrunkene deutsche Soldaten setzten das Dorf zur Vergeltung in Brand. Im ersten Haus, in das die Nazis eindrangen, lebten drei Familien. Die Männer waren abwesend, die Frauen und Kinder in der Küche versammelt. Es waren sieben Menschen, dicht aneinander gedrängt, als die Nazi-Soldaten zu ihren Füssen eine Kiste Sprengstoff deponierten. Einen Augenblick später liess eine gewaltige Explosion das gesamte Haus einstürzen. Wie durch ein Wunder wurde nur eine Frau schwer verletzt, drei weitere leicht, die Kinder blieben unverletzt. Nini Emma, der Eigentümer des Hotel Proman, wurde erstochen, während sein Hotel geplündert wurde. Weitere vier Menschen wurden getötet, viele verletzt und sieben Familien verloren ihr Heim.

Zwischen dem 9.September und dem 22.Oktober 1944 lagen die berühmten 40 Tage der mit Waffen verteidigten Freiheit: Von der Schweizer Grenze bis Mergozzo übernahmen Partisanen-Einheiten die komplette Kontrolle über das Haupttal und erschufen die Republik Ossola. Gemeinsam mit der provisorischen Regierung in Domodossola versuchte man auch die faschistischen Gemeindepolitiker zu verdrängen. Am Rande der kleinen Republik, in Ornavasso und Premosello wurden die Häuser von deutschem Geschützfeuer getroffen. Die Menschen lebten in den letzten Wochen ihrer Freiheit sehr hungrig. Ein Brot in Premosello Brot bestand nur aus Mais und Kastanien, angebaut auf den Terrassen von Capraga und Colloro. Kastanien gab es glücklicherweise reichlich in jenem Herbst. Für diejenigen, die gar nichts hatten, lieferte die Schweiz Kartoffeln. Am 13.Oktober erfolgte der Gegenangriff der Deutschen in der Gegend von Migiandone, wo die Partisanen in den Cadorna-Befestigungsanlagen zunächst erbittert Widerstand leisteten. Während dreier Tage blockierte man den Vormarsch der Nazi-Truppen, musste dann aber aufgeben. So auch im Val Cannobina, wo sich die Partisanen um Finero zurückziehen mussten. Während die Nazi-Truppen etwa aus 10'000 Mann bestanden, waren in den Partisaneneinheiten "Valtoce", "Valdossola" und "Garibaldi" zusammen lediglich rund 3'000 vereinigt. Widerstand wurde dennoch so viel wie möglich geleistet. 300 Mann fielen in Kampfhandlungen und mindestens weitere hundert wurden nach ihrer Gefangennahme ermordet. Von Domodossola brachten Züge viele Kinder und andere, die sich in Lebensgtefahr befanden, in Sicherheit. Sie alle wurden von der Schweiz grosszügig bis zum Ende des Krieges aufgenommen. Den Menschen, die im Winter 1944/45 in ihrer Heimat blieben, war die grosse Enttäuschung und Trauer um die Opfer anzusehen. Viele Hoffnungen wurden zunichte gemacht.

Ende Februar 1945 kamen die berüchtigten Schwarzen Brigaden nach Premosello. Gleich in der ersten Nacht feuerten sie auf die Arbeiter, die die Erlaubnis hatten, während der Ausgangssperre mit ihren Fahrrädern zu den Fabriken in Pieve Vergonte zu fahren; einige von ihnen wurden dabei schwer verletzt. Am Tag danach begannen die Raubzüge im Dorf. Jede Woche, stets nachts, machte sich eine Lkw-Ladung mit gestohlenen Gütern auf den Weg. Am Ostermontag waren zwei Frauen auf dem Weg nach Colloro um dem Kommando von Major Superti Informationen zu überbringen. Unterwegs trafen sie auf vier Faschisten, die sie bedrängten. Die Frauen machten bis zu ihrem Eintreffen in den Gassen von Colloro gute Miene zum bösen Spiel. Die Partisanen hatten jedoch alles beobachtet, bevor sie eingriffen: Einer der vier Faschisten verlor sein Leben während des anschliessenden Schusswechsels, zwei andere wurden gefangengenommen, der vierte jedoch entkam nach Premosello und gab Alarm. Der faschistische Führer Moacatelli stieg daraufhin mit sieben oder acht Mann wütend den Weg nach Colloro hinauf. Dort verletzte er den fliehenden Dorfbewohner Natale Zonca mit einem Schuss. Obwohl er ins Spital nach Domodossola gebracht wurde, konnte man nichts mehr für ihn tun. Es waren schreckliche Tage: Die Schwarzen Brigaden hielten den Terror aufrecht und die Partisanen widersetzten sich mit Angriffen auf offener Strasse. Zwischenzeitlich wurde die Schule in Premosello zum Hauptquartier der Faschisten ausgebaut. Schiessereien und Gefangennahmen waren an der Tagesordnung. Es wurde immer deutlicher, dass Colloro das Rebellennest war, und so entschied die deutsche Führung zur endgültigen Säuberung des Dorfes.

Colloro Am 14.April 1945 um halb fünf morgens begannen die deutschen Truppen Colloro zu bombardieren. Die wesentlichen Ziele waren die Casa Varetta, das Cà dal Preu von Don Carlo Tosi und der Circolo, doch überall im Dorf schlugen insgesamt 86 Bomben ein. Zum Ende des Bombardements erreichten drei Nazi-Einheiten auf drei verschiedenen Wegen Colloro. Fast alle Männer flohen in die Maisfelder oder in den Wald, während im brennenden Dorf nur die Frauen und Kinder zurückblieben. Die von Vogogna anrückende Truppe wurde durch die Einwohner von Capraga mittels eines Feuers den Colloresi signalisiert. Eine andere Truppe stieg von Cuzzago auf und wurde durch einen einzigen Premoseller Ziegenhirten namens Primo Varetta gestoppt: Er sah die Soldaten wenig oberhalb der Alpe Sciarina herannahen, und zerstörte die puntègia, eine Holzbrücke, die den Übergang zwischen steilen, glatten Felsen ermöglicht. Mittlerweile hatten zwei der drei Truppen Colloro erreicht und durchsuchten Haus um Haus. Sie konfiszierten alle Lebensmittel, Gegenstände und Geld, das sie finden konnten. Frauen und Kinder wurden unter Waffengewalt mitgenommen und an die Mauer unterhalb der Kirche gestellt. Auch Don Carlo Tosi wurde gewaltsam abgeführt. Dem deutschen Offizier, der das Kommando über die Operation innehatte, wurde durch Kameraden zwischenzeitlich mitgeteilt, dass keine Partisanen oder andere Männer festgenommen werden konnten, geschweige denn gesehen wurden. Darüber geriet der Offizier dermassen in Rage, dass er ein Massaker androhte. Die Frauen schwiegen vor Angst, die Kinder weinten. Alle waren überzeugt, dass dies ihr Ende sei. Dem jungen Partisanen-Priester Don Carlo Tosi wurde vorgeworfen parteiisch zu sein. Bleich, aber ruhig erklärte er: "Was für eine Schuld haben diese Menschen auf sich geladen, dass die Partisanen es zulassen, sie gefangenzunehmen? Wenn Sie jemanden umbringen wollen, so töten Sie mich!" Die Partisanen beobachteten zwischenzeitlich das Geschehen mit einem leistungsstarken Fernrohr von Alpe La Colla aus - ohne einen Schuss abzufeuern. Um zehn Uhr gaben die Deutschen auf und zogen sich nach Premosello zurück. Das Dorf wurde verschont, vielleicht weil der Offizier kein Verbrecher wie viele anderen war, sondern ein Minimum an Verantwortung besass. Und auch die Truppen waren wohl erschöpft und müde vom Krieg. Nachdem alle wussten, dass die Alliierten die Gotenstellung durchbrochen hatten, ahnten die meisten deutschen Soldaten den bevorstehenden Rückzug. Tatsächlich fielen sowohl die Nazis als auch die Faschisten in der Nacht vom 24. auf den 25.April in grosse Betriebsamkeit. Noch vor der Morgendämmerung verliessen sie unter Maschinengewehrsalven in Lastwagen und Autos Premosello. Um sechs Uhr endete die letzte Sperrstunde. Menschen versammelten sich auf den Plätzen in Premosello und erkannten in der sich nun ausbreiteten irrealen Stille, dass es eine Flucht für immer gewesen war. Die Kirchenglocken läuteten zur Befreiung.

Wer könnte die Tragödien im Zweiten Weltkrieg besser mit wenigen Worten in Würde zusammenfassen als der Schriftsteller Nino Chiovini? Aus seinem wunderbaren Buch "Mal di Valgrande" zitiere ich einige Zeilen, die sich besonders auf die Einwohner von Colloro beziehen: "Männer, die in Fabriken arbeiteten, und doch Landwirte blieben. Menschen, die über Jahrhunderte gelernt hatten, von der Erde nicht mehr zu verlangen als sie geben kann; die ihre Mitmenschen nicht zu unterdrücken wussten und es vorzogen, selber unterdrückt zu bleiben. Sie, die während Jahrhunderten Unterdrückten, nahmen die Chance zur nationalen und sozialen Befreiung wahr und schlugen gemeinsam eine neue Richtung ein."


ColloroColloro heute

Heute zählt Colloro noch 150 Einwohner, im Jahr 1944 waren es mehr als sechshundert. Das letzte Lebensmittelgeschäft schloss im Oktober 1998. Doch wurde im Jahr 2009 die Renovierung des Circolo abgeschlossen, der jetzt die Aufgaben eines Restaurants übernimmt, und auch über drei Zimmer verfügt. Das Angebot wird durch ein Bed and Breakfast mit zwei Zimmern ergänzt, welches sich im Cà dal Preu befindet, jenes Haus wo auch Don Carlo Tosi lebte (siehe oben). Der Circolo der Arbeiter in Colloro wurde 1903 gegründet. Zu Beginn des Jahrhunderts zeigte sich die Notwendigkeit, einen Treffpunkt für die aufstrebende Arbeiterklasse zu haben. Im ersten Artikel der Satzung des Vereins ist festgehalten: "Der Circolo ist ein Ort, wo die Arbeiter sich wie zu Hause zwischen vertrauten Freunden fühlen, um eine Erleichterung der täglichen Arbeit zu finden..." Auch heute noch ist das Vorhandensein dieses Clubs entscheidend für Colloro, da er der einzige verbliebene der vier oder fünf Bars ist, die das Dorfleben bis in die 50er Jahre hinein belebten.

Wie viele Dörfer im Verbano-Cusio-Ossola, besitzt Colloro den einzigartigen Charakter eines charmanten Südalpen-Bergdorfes mit seinen Steindächern, der Kirche San Gottardo, den engen Gassen und Fresken. Eine dieser Fresken stellt ein wertvolles Gemälde, das der Gottesmutter mit Kind und einem Heiligen gewidmet ist, dar. Diese Landschaft lockt viele mitteleuropäische Menschen an.Tatsächlich kaufen seit rund dreissig Jahren vor allem Süddeutsche verlassene Häuser im Dorf und renovieren sie unter Wahrung der lokalen Bauweise, um hier ihre Ferien zu verbringen. Die Touristen, die nach Colloro kommen sind nicht am Treiben von lärmenden Bars und Clubs interessiert. Sie wählen das Ossola oder das Tessin vielmehr wegen der besonderen Atmosphäre, der Schönheit und Authentizität, die in dieser Form in den bekannten Touristendestinationen nicht mehr zu finden ist. Im Frühling beeindrucken die Wiesen im Dorf den Besucher, die allesamt weiterhin gepflegt und gemäht werden. An sonnigen Tagen ist die Luft voll von Düften aus mediterranen Kräutern wie Thymian und Oregano. Das Zirpen der Heuschrecken und der Gesang der vielen Vogelarten lassen eine entspannte Atmosphäre aufkommen. Unter den vielen Arten von Pflanzen und Tieren sind sogar seltene Orchideen, wie der Pflugschar-Zungenstendel oder diverse Schwalbenschwanzarten. All diese Arten brauchen, um zu überleben, offene Flächen, in denen noch kein Ginster, Brombeeren oder Farn vorgedrungen ist. Zur Erhaltung dieser Artenvielfalt ist es notwendig, das Gras wenigstens ein Mal im Jahr zu mähen. Das bedeutet, dass alle Colloresi, die ihre Grundstücke und Grasflächen noch regelmässig nutzen, wertvolle Partner für den aktiven Naturschutz und der Erhaltung der Artenvielfalt im Nationalpark sind. Seit Parkgründung haben sich diese Verhältnisse durch die Verschärfung der Gesetze verbessert, obwohl es absurd erscheinen mag, die Menschen mit Verordnungen und Richtlinien vor der Zerstörung ihres Lebensraum bewahren zu müssen.

Der Nationalpark Valgrande wurde am 2.März 1992 gegründet. Die Geschichte des Schutzes dieses Alpenraums begann jedoch schon lange zuvor. In den 50er Jahren begannen die Gemeinden mit dem Kauf von 8'800 Hektar Wald. 1967 wurde das unzugänglichste Parkgebiet um die Cima Pedum zum ersten Naturschutzgebiet mit 973 Hektar. 1970 folgten die 2'410 Hektar des Schutzgebietes Mottàc mit weniger strengen Regelungen. 1977 wurden diese Reservate in das europäische System der biogenetischen Reserven aufgenommen. Inzwischen ist die Aufmerksamkeit um die wertvolle Natur hauptsächlich der unermüdlichen Arbeit des Journalisten, Schriftstellers und Kenners der Ossola-Berge Teresio Valsesia geschuldet. Ebenfalls 1977 schlägt Franco Zunino die Anerkennung des Val Grande als erste Wilderness-Zone Europas dem World-Wilderness-Congress in Johannesburg vor. 1985 bildet Franca Olmi, der spätere erste Präsident des Nationalparks, ein Organisationskomitee zur Schaffung des Valgrande-Nationalparks. 1991 wird endlich das Rahmengesetz zur Parkgründung im Val Grande verabschiedet. Gegründet mit einer Fläche von 11'700 Hektar wird er im Jahr 1997 um weitere Gebiete in den Gemeinden Vogogna und Premosello und im Valle Intrasca erweitert. Heute umfasst der Nationalpark eine Fläche von 15'000 Hektar in 13 verschiedenen Gemeinden. Der Park ist in vier Zonen aufgeteilt, die auf die spezifischen natürlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen Rücksicht nehmen.

Die letzten beiden Kurven der Strasse nach Colloro, kurz vor dem Ortseingang, liegen bereits innerhalb des Nationalparks. Für das Dorf ergibt sich damit eine Chance seine Geschichte fortzuschreiben, und nicht in Abwanderung und Niedergang zu enden. Die blosse Tatsache, dass sich Colloro innerhalb der Parkgrenzen befindet und Ausgangs- oder Zielpunkt der Val-Grande-Traverse bildet, lockt heute Touristen aus halb Europa hierher. Gerade die Authentizität dieses Ortes und seiner Landschaft kann der Schlüssel zum Überleben in einer globalisierten Welt werden. Colloro verfügt noch über viele Wachstumsmöglichkeiten. Es wäre sinnvoll, die Chancen wahrzunehmen und umzusetzen, doch dazu bedürfte es der Zusammenarbeit der Gemeinden und der Parkverwaltung: Eine Synergie, die bisher nicht erkannt wurde.

Der Berg ist nicht nur geologisch ein heikler und instabiler Platz, sondern auch kulturell. Die Menschen hier kämpfen um ihre Identität, die so gegensätzlich zur derjenigen der Metropolen ist. Um weiterhin die Berggebiete zu bewohnen ist es mehr denn je wichtig, die Menschen in die Herausforderungen unserer heutigen Zeit miteinzubeziehen. Es ist auch notwendig, sich viel Empathie für diejenigen Menschen anzueignen, die seit Jahrhunderten ihr Überleben an diesem Platz mit viel Intelligenz und Kreativität gesichert haben. Ein Verlangsamen oder gar Aufhalten des kulturellen Prozesses der Entfremdung garantiert auch den künftigen Generationen sich eine Lebenschance in diesen Bergdörfern zu erhalten.

Colloro

Quellen

Aria di casa nostra - Erminio Ragazza - zweite überarbeitete Auflage von Pier Antonio Ragazza – Gemeinde Premosello 1994
Val Grande ultimo paradiso - Teresio Valsesia – Verlag Alberti 1985
Valgrande escursioni storia natura - Paolo Crosa Lenz – Verlag Grossi 1999
La Valgrande di ieri - Andrea Primatista – Eigenverlag 2010
Paesaggio Culturale oppure Wilderness nelle Alpi? - Susanne Lehringer, Franz Höchtl, Werner Konold – Provinz VCO 2008
Vivere in salita - Paolo Pirocchi, Pierantonio Ragazza, Silvano Ragazza – Nationalparkverwaltung Val Grande 1999
I cent’anni del "Circul" di Colloro – Pier Antonio Ragazza 2003
Mal di Valgrande - Nino Chiovini – Verlag Tararà 2002
Prima c’erano gli uomini ricerca scientifica dell’Università di Friburgo - Franz Höchtl, Bettina Burkart – publiziert von Le Rive n°5, 2000

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