www.alpi-ticinesi.ch
Val Grande: Resistenza und Republik Ossola
 



alpi-ticinesi.ch > val grande > über das valgrande > resistenza


Das Val Grande wurde im Jahre 1944 Zeuge einer der dramatischsten Episoden des Widerstands gegen die Nazi-Besatzung und dem Faschismus, des Restrellamento. 17000 Männer (15000 Deutsche und 2000 Faschisten) greifen die formierten Partisanen (450-500 Mann total) in den Bergen des Val Grande und des benachbarten Valle Intrasca an. Warum dieses Missverhältnis der Truppenstärke? Vielleicht weil die Nazis die Anzahl der Partisanen überschätzten, vielleicht weil sie sicher gehen wollten, alle zu ergreifen und die Truppenverbände der zwischen diesen Bergen operierenden Partisanen zu zerstören, im Hinblick auf weitere Angriffe gegen die Resistenza im nördlichen Piemont.

Die Partisanen hatten in den Bergen des Verbano drei Einheiten gebildet: Die VALDOSSOLA, die im Val Grande operierte; die CESARE BATTISTI, die zwischen dem Passo Folungo und Pian Vadà Stellung genommen hatte und die GIOVINE ITALIA, welche zwischen Miazzina und Pian Cavallone agierte. Insgesamt ware es 450-500 Partisanen, davon etwa 350 bewaffnet.

Die VALDOSSOLA entstand aus einer kleinen Gruppe Männer aus dem unteren Valle Antigorio, unter der Führung von Mario Muneghina, und einer Gruppe junger Männer um Dionigi Superti. Die VALDOSSOLA erreichte schlussendlich eine Stärke von 300 Mann. Superti wurde Kommandant und Muneghina, genannt Capitano Mario, Stellvertreter. Dionigi Superti (1899-1968) war während des Ersten Weltkrieges Freiwilliger bei den Alpini und den Luftstreitkräften, ausgezeichnet mit vier Tapferkeitsmedaillen. Im Jahre 1919 trat er in die Partito Repubblicano ein und wurde während des Faschismus mehrmals verhaftet. In den Jahren, die dem Beginn der Resistenza vorangingen war er Direktor der Holzgesellschaft im oberen Val Grande unter der IBAI (Industria Boschiva Alta Italia). Seine Männer nannten ihn "Major", aber niemand wusste, welchen Rang er wirklich hatte. Er wurde für seine Tapferkeit und Loyalität berwundert und geliebt. Ihm war es wichtig, die Widerstandskräfte der Resistenza bis zu einer alliierten Intervention möglichst zu schonen. Auf seinen Befehl verlegte sich die VALDOSSOLA ins Val Grande, das er als kaum einnehmbar betrachtete. Das Kommando befand sich in Orfalecchio, während seine Männer im ganzen Tal verteilt waren. Mario Muneghina, genannt "Capitano Mario" war hingegen Mitglied der kommunistischen Partei PCI seit 1921. Seine Differenzen mit Superti bestanden nicht nur auf dem Papier: Beispielsweise verliess er am 29. Mai 1944, zwei Wochen vor dem Rastrellamento, mit rund 30 Mann der VALDOSSOLA das Quartier in den Monti di Velina um die faschistische Einheit in Fondotoce anzugreifen und sich Waffen, Munition und Lebensmittel zu verschaffen. Sie nahmen 45 Faschisten gefangen, während vier Getötete und einige Verletzte zurückblieben.

Dionigi Superti
Dionigi Superti
Mario Muneghina
Mario Muneghina

Fotos: Casa della Resistenza Fondotoce

Die CESARE BATTISTI (70-80 Mann) wurde auf Initivative der drei Bersagliere-Unteroffiziere Arca (Armando Calzavara aus der Provinz Treviso), Marco (Giuseppe Perozzi aus Urbino) und Selva (Enzo Piazzotta aus der Provinz von Varese) im Valle Intrasca gegründet.

Die GIOVINE ITALIA begann ihre Aktivitäten in der Gegend von Miazzina. Ab März 1944 hatte der kommunistische Arbeiter Alfredo Labadini aus Cremona, genannt Guido il Monco, die Führung. Zeitweise benutzte die Einheit das Albergo in Pian Cavallone, doch die Kommandatur befand sich im alten Rifugio. Ende Mai 1944 zählte die Vereinigung mehr als 80 Mann. Im selben Monat traten zwei Alpini-Offiziere der Vereinigung bei, nämlich der Verbanese Gaetano Garzoli (Rolando), der das Kommando übernahm und Mario Flaim aus Rovereto.

Am frühen Morgen des 10. Juni 1944 nehmen die Ereignisse des Rastrellamento ihren Anfang, die in der Eliminierung der Partisaneneinheiten ihr trauriges Ende nehmen sollen: Die Nazi-Einheiten, bestehend aus der deutschen 236. Infanteriedivision unterstützt durch ein SS-Bataillon, zwei Bataillone der Alpenjäger und die Batterien der 105. und 149. Division; die faschistischen Einheiten Ettore Muti, italienische SS, Leonessa und Tagliamento dringen in die Täler des Verbano und Ossola und ins Cannobina und Vigezzo ein. Am Nachmittag des 11. Juni begab sich dann eine motorisierte Kolonne Deutscher von Rovegro nach Cicogna. Im Tunnel vor der Ponte di Casletto wurden sie von Partisanen aufgehalten, die den Platz verteidigten und eine Schiesserei begannen. Gegen Abend zogen sich die Deutschen zurück. Der Zusammenstoss wiederholte sich am folgenden Vormittag. Zwei gepanzerte Fahrzeuge versuchten die Brücke zu überqueren, wurden aber von den Partisanen aufgehalten. Ähnliche Kämpfe ereigneten sich auch am Aquädukt der Mulattiera von Cossogna.

Unterdessen erreichte eine deutsche Einheit von Mergozzo kommend den Monte Faiè und griff Corte Buè an, das von Partisanen verteidigt wurde. Der Kampf verlagerte sich bald nach Ponte di Velina, wo es den Partisanen gelang, die Deutschen zu stoppen.

In Ponte di Casletto spitzte sich gegen Mittag die Situation zu: Die deutschen Einheiten zwangen die Partisanen zum Rückzug, überschritten die Brücke und begannen nach Cicogna anzusteigen. Die Häuser von Velina wurden mit Granaten und Maschinenpistolen von Corte Buè aus beschossen. Mario Muneghina beschloss den Rückzug ins Val Pogallo und sandte einen Boten zum Kommando in Orfalecchio. Superti war indessen abwesend, um in der Schweiz die Alliierten zu kontaktieren. Gegen Abend begannen die Partisanen der VALDOSSOLA (etwa 280 Mann) mit 50 Gefangenen von Orfalecchio nach Corte del Bosco zu steigen.

Am folgenden Vormittag (nachdem man etwa 20 Gefangene in einem Stall zurückgelassen hatte) setzte sich die Einheit erneut in Bewegung und bei Sonnenuntergang befand man sich oberhalb der Alpe Prà, wo sie auf einzelne feindliche Kundschafter stiessen. Die Deutschen, die zwischenzeitlich Cicogna eingenommen hatten, nahmen sie unter Mörserbeschuss. Die Partisanen begannen, ohne ins Val Pogallo abzusteigen, Richtung Alpe Brusà zu traversieren, wo sie die Nacht verbrachten, nachdem der Älpler von Busarasca sie nicht beherbergen wollte. Eine Gruppe von Männern wurde nach Pogallo entsandt, um das Vorrücken der Deutschen zu überprüfen; auch die Verwundeten wurden nach Pogallo geschickt: Von hier wurden sie in die noch ruhige Zone von Pian Cavallone transportiert, wo sich die Männer der GIOVINE ITALIA befanden.

Partisanen in Aktion
Partisanen in Aktion
Foto: Casa della Resistenza Fondotoce

Unterdessen kehrte Superti am 12. nach Orfalecchio zurück und wurde von den wenigen Zurückgebliebenen über die Lage informiert. Der Kommandant rief die Männer von L'Arca und In la Piana zusammen (ungefähr 30 Mann) um nach Velina aufzubrechen, wo sie am Abend des 13. eintrafen. Von hier stiegen sie über Corte del Bosco nach Pogallo hinüber, wo sie am Abend des 14. anlangten. Superti wurde über die aktuelle Situation informiert. Er sendete daraufhin zwei Mann nach Alpe Brusà um Muneghina zum Abstieg nach Pogallo aufzufordern und ins Val Grande zurückzukehren. (Superti hatte mit den Alliierten eine Lebensmittel- und Waffenlieferung nach In la Piana vereinbart.) Muneghina, der von einer Patrouille darüber informiert wurde, dass sich im Valle Cannobina keine Feinde aufhalten und davon überzeugt war, dass das Val Grande zur Falle wird, weigerte sich Superti zu folgen: Die VALDOSSOLA zerfiel in zwei Gruppen.

Deutsche Flugzeuge schossen auf die Männer, die sich in den Wäldern von Brusà versteckt hielten. Dann verschlechterte sich das Wetter und die schlechte Sicht erlaubte den gefahrlosen Marsch über die Bocchetta di Terza ins Valle Cannobina. Es waren 200 Partisanen (ein Teil folgte hingegen Superti) und etwa 30 Gefangene: Am Abend des 15. Juni erreichten sie das Tal von Finero. Das Wetter war schlecht und die Situation dramatisch, weil die Deutschen das Tal bereits erreicht hatten und die Bevölkerung terrorisierten. Die Partisanen, die die Region nicht kannten, konnten keine Hilfe erwarten. Am Abend, bei klarem Himmel verfolgten die Männer von Muneghina einen Pfad. Einige konnten nicht mehr Schritt halten und eine Gruppe von 20-25 Mann fiel zurück. Sie wollten versuchen ins Val Grande zurückzukehren, in dem sie Scaredi überschreiten und das Val Portaiola absteigen.

Die Einheit von Muneghina erreichte die Nähe von Finero. In Pian di Sale trafen sie auf die Deutschen. Um 03:30 Uhr begann eine fürchterliche Schlacht. Zum Schluss, bei verschlechterndem Wetter, ordnete Muneghina an, die Truppe zu zerstreuen, um der feindlichen Jagd zu entgehen. Einige gelangten über die Schweizer Grenze, andere wurden von den Deutschen getötet, wieder andere gefangengenommen. Mario Muneghina erreichte mit 15 Mann die Alpe Polunnia im Valle Cannobina, wo er erneut auf die Deutschen traf. Für einige Tage versteckte sich das verbliebene Grüppchen von etwa zehn Mann im Bereich des Monte Torriggia und in den Felsen der Rocce del Gridone. Am Abend des 20. erreichten sie die Alpen von Orasso, wo sie von einem Bauer aufgenommen wurden.

Partisanenkommandaten
Partisanen-Kommandanten: Mario Muneghina (Mitte, der kleinste),
ganz links: Aldo "Iso" Aniasi (1921-2005), späterer Stadtpräsident von Mailand.
Foto: Casa della Resistenza Fondotoce

Die andere Gruppe versuchte derweil ins Val Grande zurückzugelangen, was wegen des massiven Aufgebots der Deutschen schwierig war. Am Abend des 18. kamen diese Männer unter der Cima di Laurasca an und versuchten nach Alpe Scaredi zu traversieren, aber auch dort befanden sich bereits die Deutschen. Und so versuchten sie im Regen auf die Bocchetta di Scaredi zu gelangen. Aber auch hier waren bereits die Feinde: Die Partisanen gaben auf. Sie wurden den Faschisten übergeben, zunächst nach Malesco, dann nach Intra transportiert, gefoltert und am 20. Juni 1944 in Fondotoce hingerichtet.

Am Vormittag des 15. Juni verliess Superti mit seiner Truppe (etwa 70-80 Mann) das obere Val Pogallo und erreichte am späten Nachmittag die Bocchetta di Campo. Am folgenden Vormittag stiegen sie nach Alpe Campo und Alpe Portaiola ab: Die Älpler informierten sie, dass bisher keine deutschen Truppen vorbeigekommen seien. Sie passierten In la Piana und erreichten die Arca bei Sonnenaufgang. Hier fanden sie ein deutsches Zigarettenpäckchen. Am Abend des 17. traf dann eine Patrouille der Partisanen auf die Deutschen. Superti ordnete den sofortigen Rückzug in die Rinne, die nach Ganna Grossa und gegen die Cima Pedùm führt, an. Auf 1800m kamen sie nicht weiter. Einer war verletzt. Es regnete. Sie blieben dort zwei Tage, während die Deutschen die Alpen des oberen Tals besetzten.

Am Abend des 20. wurden die Männer von Superti nervös: Das Gelände der Zone Gana Grossa ist äusserst heikel und weglos. Es hatte Nebel und sie konnten die Deutschen nicht sehen. Schliesslich gelangten sie erneut nach Alpe di Campo und nach Alpe Portaiola, wo der Fluss überquert werden sollte. Die Männer waren vor Müdigkeit und Hunger erschöpft. Plötzlich lichtete sich der Nebel. Die Deutschen, die sich in Alpe Portaiola befanden, sahen sie und begannen zu schiessen. Es war ein Gemetzel: Nicht weniger als 30 Partisanen starben. Die Überlebenden versuchten sich in den Wäldern zu verstecken.

Eine Gruppe von neun Mann, geführt durch Mario Morandi und die Brüder Alfonso und Bruno Vigorelli, stieg nach Alpe Riazzoli ab. Die Vigorelli-Brüder waren Unteroffiziere der Infanterie. Sie trafen Superti in Lugano, wo ihr Vater im Exil weilte, und sie ihm am 12.Juni ins Val Grande folgten. In der Nähe der Alp stürzte Bruno Vigorelli ab und starb. Sie konnten sich nur bei Nacht bewegen und erreichten so bei Tagesanbruch des 22. Alpe Casarolo, wo der Älpler Enrico Andreolotti von Colloro bereits vier weitere Männer, die vor dem Gemetzel in Alpe Portaiola geflüchtet waren, aufgenommen hatte. Doch die Deutschen fanden sie auch hier. Während drei flüchteten und sich nach Colloro retten konnten, ergaben sich die übrigen Partisanen. Sie wurden auf der Stelle erschossen. Der zwölfjährige Hirtenjunge Silverio Dinetti erreichte die Alp wenig später und fand zwischen den Leichen einen noch Lebenden (wahrscheinlich Adolfo Vigorelli), der ihn darum bat die Deutschen zurückzuholen um ihm den Gnadenschuss zu geben. Der Junge tat wie ihm gesagt, und wenig später beendeten die Deutschen auch das Leben des letzten Partisanen. Unter den Opfern fand sich auch der Älpler, der zunächst nach In la Piana gebracht und dort zu Tode geprügelt wurde, und sein Bruder Giovanni, der in Casarolo eintraf, als die Exekution im Gange war. Von Supertis Einheit überlebten lediglich jene zehn bis zwölf Mann, unter ihnen Superti selbst, welchen es gelang nach Alpe Crot zu flüchten und dort am Ende ihrer Kräfte von den Älplern aus Premosello gefunden wurden.

Gebrüder Vigorelli
Alfonso, genannt Fofi, und Bruno Vigorelli
Foto: Casa della Resistenza Fondotoce

Am 13. Juni erreichten mit den Verwundeten aus Pogallo und deren Kameraden auch einige Informationen die Partisanen der GIOVINE ITALIA. Sie erhielten jedoch keinen vollständigen Überblick über die Lage. 14 Faschisten der Leonessa-Einheit stiessen von Miazzina her vor, wurden aber zurückgewiesen. Das gleiche widerfuhr einer deutschen Einheit unter dem Pizzo Pernice. Am 15. Juni verlagerten sich die Kämpfe zwischen die Colma und Pian Cavallone. Die Angriffe der Deutschen wurden drei Mal zurückgewiesen. Doch dann wurden die Partisanen vom Sportplatz in Intra aus mit Mörsergranaten beschossen, und das Schicksal wendete sich. Bei Einbruch der Nacht war die Schlacht zu Ende: Die Partisanen mussten sich zurückziehen. Flaim gelang nach Pian Vadà um Kontakt mit den CESARE BATTISTI aufzunehmen. Guido und andere Männer, unter ihnen Verwundete und Unbewaffnete, kehrten in den Talgrund zurück, um sich auf einen nächsten Zusammenstoss vorzubereiten. Rolando stieg mit wenigen anderen auf den Pizzo Marona um das weitere Vorwärtskommen der Deutschen zu verhindern.

Bei Sonnenaufgang des 16. verliess eine motorisierte deutsche Einheit den Colle, um entlang der Militärstrasse die Stellungen der CESARE BATTISTI in Pian Vadà zu erreichen. Arca, der Kommandant, konnte zwar noch die Verteidigung vorbereiten, doch waren die Deutschen in der Überzahl.

Eine deutsche Einheit marschierte, von Pian Cavallone kommend, Richtung Pizzo Marona, wo sich nun Rolando und wenige andere Männer der GIOVINE ITALIA befanden. Der erste feindliche Angriff konnte abgewehrt werden. Dann trafen die Mörsergeschütze der Deutschen ein, aber auch dieser Angriff am Nachmittag wurde abgewehrt. Am Abend traf Flaim von Pian Vadà kommend ein, und am nächsten Morgen noch 17 Partisanen der CESARE BATTISTI. Einige stiegen ins Val Marona hinab, die anderen blieben. Es gab eine erneute Schlacht. Doch am Mittag war alles beendet. Die Kapelle wurde gesprengt. Elf Leichen, darunter Mario Flaim, wurden später unter dem Gipfel, auf der Seite des Val Pogallo, gefunden. Ihren Verletzungen nach zu urteilen, wurden sie von den Deutschen lebend über die Gipfelfelsen hinabgestossen.

Maria Peron
Maria Peron (1915-1976), "Krankenschwester der Partisanen", ab 1. Mai 1944 bei der VALDOSSOLA.
Sie nahm mit einfachsten Mitteln selbst chirurgische Eingriffe wie Amputationen vor.
In jenen Tagen war sie auch die Ärztin des Val Grande und betreute die Älpler und die Einwohner von Cicogna.
Foto: Casa della Resistenza Fondotoce

Auch in Pogallo spielte sich in diesen Tagen ein ähnliches Drama ab: Das grosse Gebäude der Holzgesellschaft beherbergte das deutsche Kommando. Hierher wurden zehn Partisanen verschleppt, die am 17.Juni unterhalb Alpe Baldesaut gefangengenommen wurden. Acht andere wurden zunächst in die Nähe der Bocchetta di Campo gebracht. Am 18. wurden die ersten zehn Gefangenen gezwungen vor dem Gebäude einen langen Graben auszuheben. Um 11 Uhr begann die Eliminierung: Jeder Gefangene musste im Kommandobüro ein deutschsprachiges Dokument unterzeichnen; dann wurde ein jeder von einem Soldaten angewiesen sich an den Rand des Grabens zu stellen und sich auszuziehen. Das Erschiessungskommando brachte auf diese Weise zunächst sechs Männer um. Danach war man kürzer angebunden, und tötete kurzerhand alle 18 Partisanen.

Die Bilanz dieser Tage ist tragisch: Unter den Partisanen gibt es ungefähr 300 Tote. 150-160 sind in Kämpfen gefallen; 152 wurden zwischen dem 17. und 27. Juni hingerichtet, nachdem sie in der Gefangenschaft gefoltert wurden. Unter den Zivilisten gibt es sieben Opfer. Die Verluste der Feinde beziffern sich auf 200-250 Tote und ungefähr gleich viele Verwundete. Grosse Schäden gibt es auch an den Baulichkeiten: 208 Alphütten wurden angezündet; 50 Häuser in Cicogna sind durch das deutsche Bombardement zerstört oder stark beschädigt; drei Rifugi (Bocchetta di Campo, Pian Cavallone und Pian Vadà) sind zerstört und ein weiteres (Casa dell'Alpino in Alpe Prà) stark beschädigt. Das Rifugio Pian Cavallone wird nach dem Krieg wieder aufgebaut, dasjenige auf der Bocchetta di Campo wird 1999 von der Nationalparkverwaltung wieder hergerichtet. Das Albergo in Pian Cavallone wurde am 21. Mai 1944 durch die Faschisten der Einheit Tagliamento vollständig zerstört und nie wieder aufgebaut.

Ruinen...
Die Ruinen von Uccigiola
Foto: Casa della Resistenza Fondotoce

Insgesamt wurden 152 gefangene Partisanen von den Deutschen hingerichtet:

Datum Örtlichkeit Opfer
12. Juni 1944 Rovegro 1) Alberto Mazzola
2) William Scalabrino
14. Juni 1944 Migiandone 1) Felice Cattaneo
2) Bartolomeo Oliaro
3) Remo Rabellotti
4) Edoardo Rossi
16. Juni 1944 Alpe Fornà 1) Andrea Bottigelli
2) Ubaldo Cavallasca
3) Gian Franco Maceri
4) Antonio Motta
5) Guido Orlandi
6) Rolando Raimondi
7) Italo Visco
17. Juni 1944 Pizzo Marona 1) Remo Barberi
2) Mario Brusca
3) Eliano Crespi
4) Mario Flaim (Kommandant GIOVINE ITALIA)
5) Gaetano "Rolando" Garzoli (Kommandant GIOVINE ITALIA)
6) Franco Guerra
7) Mario Nigiotti
8) Fulvio Zigliotti
9) unbekannt
10) unbekannt
11) unbekannt
17. Juni 1944 Aurano 1) Felice Antoniazza
2) Giovanni Borotti
3) Antonio Colombo
4) Bruno Gussoni
5) Tommaso Pessina
6) Franco Pomice
7) unbekannt
8) unbekannt
17. Juni 1944 Ponte Casletto 1) Pasquale Riveda
2) unbekannt
18. Juni 1944 Falmenta 1) Emilio Benni
2) De Paoli Giovanni
3) Lupi Ausano
4) Perego Natale
18. Juni 1944 Pogallo 1) Bruno Cerutti
2) Fausto Colombo
3) Giacomo Crippa
4) Italo Demari
5) Ives Garlando
6) Mario Gavitelli
7) Leonardo Griffino
8) Elio Maggioni
9) Luigi Novati
10) Celestino Nicolò
11) Carlo Rocca
12) unbekannt
13) unbekannt
14) unbekannt
15) unbekannt
16) unbekannt
17) unbekannt
18) unbekannt
20. Juni 1944 Fondotoce 1) Giovanni Alberti
2) Giovanni Barelli
3) Carlo Antonio Beretta
4) Angelo Bizzozzero
5) Emilio Bonalumi
6) Giglio Battelli
7) Luigi Brioschi
8) Luigi Brown
9) Dante Capuzzo
10) Sergio Ciribì
11) Giuseppe Cocco
12) Adriano Corna
13) Achille Fabbro
14) Olivo Favaroni
15) Angelo Freguglia
16) Franco Ghiringhelli
17) Cosimo Guarneri
18) Giovanni La Ciacera
19) Franco Marchetti
20) Arturo Mezz'agora
21) Rodolfo Pellicelli
22) Giuseppe Perraro
23) Ezio Rizzato
24) Marino Rosa Aldo
25) Rossi
26) Carlo Sacchi
27) Cleonice Tomasetti
28) Renzo Villa
29) Giovanni Volpati
30) Frank Hellis
31) unbekannt
32) unbekannt
33) unbekannt
34) unbekannt
35) unbekannt
36) unbekannt
37) unbekannt
38) unbekannt
39) unbekannt
40) unbekannt
41) unbekannt
42) unbekannt
21. Juni 1944 Baveno 1) Ettore Aielli
2) Antonio Buraschini
3) Aquilino Colombo
4) Pericle Tudescato
5) Ferruccio Valaguzza
6) G. Pietro Zaccaria
7) unbekannt
8) unbekannt
9) unbekannt
10) unbekannt
11) unbekannt
12) unbekannt
13) unbekannt
14) unbekannt
15) unbekannt
16) unbekannt
17) unbekannt
22. Juni 1944 Alpe Casarolo 1) Gelindo Alimi
2) Enrico Andreoletti (Älpler Alpe Casarolo)
3) Giovanni Andreoletti (Älpler Alpe Casarolo)
4) Enrico Fovanna
5) Abele Iseni
6) Carlo Dettagliati
7) Marino Soldà
8) Adolfo "Fofi" Vigorelli
9) unbekannt
10) unbekannt
11) unbekannt
23. Juni 1944 Finero 1) Mario Crescini Aloisi
2) Fiorentino Gallarati
3) Bruno Gerosa
4) Sebastiano Lauteri
5) Giorgio Longoni
6) Mario Martinelli
7) Olinto Pasetti
8) Serafino Paternoster
9) Pietro Pezzetti
10) Gaetano Ricci
11) Luciano Turati
12) Ugo Canotti
13) Giuseppe Ziliani
14) unbekannt
15) unbekannt
24. Juni 1944 Ponte Casletto 1) Luigi Abbiati
2) Angelo Cristina
27. Juni 1944 Bèura-Cardezza 1) Guerrino Aini
2) Cesare Badella
3) "Mamma" Teresa Binda
4) Francesco Femminis
5) Pierino Lamperti
6) Luigi Macchi
7) Otello Mapelli
8) Bruno Paperini
9) Carlo Sacchi


Gefangene Partisanen vor ihrer Hinrichtung
Partisanen auf dem Weg zu ihrer Hinrichtung in Fondotoce, 20. Juni 1944
Foto: Casa della Resistenza Fondotoce

Auf dem Foto: Die Gruppe der 43 Partisanen, die kurz darauf in Fondotoce erschossen wurden. In den Kellern der Villa Caramora in Intra, wo sich das SS-Kommando befand, wurden die während der Ereignisse gefangengenommenen Partisanen mit grösster Brutalität misshandelt. Gegen 15 Uhr am 20. Juni mussten sie in Kolonne über Intra, Pallanza und Suna nach Fondotoce marschieren. Dort, am Kanal, der den Lago Maggiore mit dem Lago di Mergozzo verbindet, wurden sie in Dreiergruppen erschossen. (Einer, Carlo Suzzi, überlebte wundersamerweise, da er von den auf ihm liegenden Leichen geschützt wurde.) Die einzige Frau der Gruppe, auf dem Foto in der ersten Reihe, ist Cleonice Tomassetti, gefangengenommen in Rovegro oder in Corte Buè. In ihren letzten Stunden, im Horror der Keller der Villa Caramora belastet sie den Richter Emilio Liguori, Präsident des Gerichtes von Verbania. Er wird wegen seiner Kontakte mit den Partisanen der VALDOSSOLA verhaftet und ins Gefängnis von Turin gebracht, wo er jedoch bald wieder wegen seiner Verdienste um die Stadt freigelassen wird.

Nach Ende der Ereignisse des Rastrellamento, im Juli, finden sich die 40 Überlebenden der CESARE BATTISTI in Rocca di Scareno ein; diejenigen der GIOVINE ITALIA (60 Mann), geführt von Guido, installieren sich in Miazzina. Mario Muneghina, zurückgekehrt aus dem Val Cannobina, geht mit den Überlebenden der VALDOSSOLA erneut nach Velina. Dort trifft er auf Superti. Die Differenzen zwischen ihnen sind nun unüberwindbar, und Muneghina zieht die Konsequenzen: Mit rund 30 Mann zieht er in einer neuen Formation, der VALGRANDE MARTIRE davon. Superti hingegen geht mit anderen 30 Mann nach Alpe Crot um die VALDOSSOLA wiederaufzubauen und verschiedene Posten zu beziehen. Zum Monatsende geht die GIOVINE ITALIA in der VALGRANDE MARTIRE auf. Anfang August wird im Hinterland von Cannero auf Initiative der Mailänder Filippo Frassati und Nicola Lazzari auf monarchistischen Einfluss hin eine neue Einheit, die GIUSEPPE PEROTTI gebildet. Die VALGRANDE MARTIRE wird sich später als 85. Brigade an der Befreiung und Verteidigung der Freien Republik Ossola beteiligen.

Im August 1944 fordern die Partisanen der Brigaden VALDOSSOLA, BELTRAMI, PIAVE und VALTOCE die zwischenzeitlich an das Westufer des Lago Maggiore gedrängten Deutschen und Faschisten zur Aufgabe auf. Die Deutschen ergeben sich sofort und nach kurzer Zeit auch die wenigen Faschisten. Am 8. September 1944 wird das innere Valdossola, ausgenommen Domodossola, befreit. Die Monarchisten wollen die Stadt angreifen, während die Kommunisten zögern. Die endgültige Entscheidung trifft letztlich ein kämpferischer Priester, Don Luigi Zoppetti, der die Notwendigkeit unterstreicht sich für eine demokratische Republik einzusetzen, um einen Anstoss für die Befreiung ganz Italiens zu geben. Am 9. September 1944 veranlasst der Erzpriester von Domodossola, Don Luigi Pellanda, zur Vermeidung unnötigen Blutvergiessens eine Zusammenkunft zwischen den Deutschen und Faschisten einerseits und den Partisanenführern andererseits. Die Deutschen und Faschisten schlagen vor, Domodossola den Partisanen zu überlassen, wenn diese ihnen freien Abzug mit Waffen und Familien gewähren. Die Partisanen sind einverstanden unter der Bedingung, alle nicht in Deutschland produzierten Waffen zurückzulassen. Solche Übereinkünfte rufen indessen die Kommunisten auf den Plan. Am 10. September 1944 verlässt eine lange motorisierte Kolonne aus deutschen und faschistischen Militärs und Zivilisten Domodossola Richtung Süden, eskortiert von den Partisanen. Sie geraten in einen Hinterhalt der Kommunisten, bei dem auch 33 Partisanen den Tod finden.

Doch die Menschen in Domodossola sind begeistert und schwenken in den Strassen die Trikolore. Die Grenze zur Schweiz wird geöffnet, wo Journalisten aus aller Welt das Ereignis dokumentieren. Superti, Kommandant der VALDOSSOLA wird sofort mit der Bildung einer provisorischen Regierung beauftragt. In der Folge wird eine souveräne Regierung installiert, die die Gründung der Freien Republik Ossola proklamiert. Die kleine Republik hat ein Territorium von etwa 2000 Quadratkilometern und besteht aus 35 Gemeinden mit 85000 Einwohnern.

Viele haben innovative Pläne, die nun in einer wunderbaren Zeit verwirklicht werden sollen. Mit der Reorganisation des Schulwesens und der Justiz werden die überholten faschistischen Gesetze durch die neuen demokratischen Prinzipien ersetzt. In kurzer Zeit werden die neuen Minister nominiert, unter ihnen Gisella Floreanini, die erste Frau in Italien, die ein Regierungsamt bekleidet. Ausserdem wird ein Botschafter in Bern ernannt, Cipriano Facchinetti, nachdem die Schweiz die Republik anerkennt. Solche Entscheidungen missfallen dem CLNAI (Comitato Liberazione Nazionale Alta Italia), das am 12. September 1944 dem Kommandaten Superti eine Protestnote zustellt. Die Regierung der Republik Ossola lässt sich jedoch nicht beirren und erlässt Gesetz für Gesetz. Die Strassen werden umbenannt und in den Schulen wird eine Tafel mit den Namen verdienstvoller Lehrer wie Concetto Marchesi und Carlo Calcaterra aufgehängt. Die bewaffneten Carabinieri und die Guardia di Finanza werden aufgelöst und durch eine Guardia Nazionale ersetzt. Doch all diese und andere Anstrengungen sind wegen der knappen Mittel und den Differenzen innerhalb der Verwaltung nur von kurzer Dauer.

Es wird schnell deutlich, dass der Mangel an populären Gesichtern in der Verwaltung der wesentliche Fehler der Staatsgründer war. Darüberhinaus wurden die Vertretungen der kleinen Dörfer übergangen und diese fühlen sich nun unterrepräsentiert. Doch das wahre Problem ist vielmehr die mangelhafte Versorgung und die fehlenden finanziellen Mittel. Die extreme Armut Vieler lässt die verschiedenen Partisanenbewegungen wieder spriessen, welche von Anfang an darauf spezialisiert waren, reichere Gebiete zu okkupieren und dementsprechend gut organisiert sind. Dies führt rasch zu einer gefährlichen Konkurrenz mit den legitimierten Behörden. Die befreite Region stellt nicht nur für die Partisanen einen Anziehungspunkt dar, sondern auch für deren Familien und andere Zivilisten. Auch die Bauern folgen mit ihren Herden diesen Bewegungen. Dennoch werden die Lebensmittel immer knapper. In Domodossola mit seinen 14000 Einwohnern sind nach 10 Tagen nur 500 Liter Milch täglich verfügbar. Aus dem übrigen Italien trifft wegen der Blockade der Deutschen nicht ein Sack Mehl ein. Und aus der Schweiz transportieren die Züge Unmengen von Emigranten heran, aber keine Lebensmittel. Erst nach viel anfänglicher Zurückhaltung liefert die Eidgenossenschaft täglich 20 Tonnen Kartoffeln - zu einem hohen Preis. Sie werden mit Industrieprodukten der Region bezahlt.

Man hofft auf die Ankunft der Angloamerikaner von Süden her. Doch stattdessen wird die Republik am 9. Oktober von den Faschisten im Valle Cannobina angegriffen. Am 10. Oktober fällt Finero in die Hände der Faschisten, die mit 5000 Mann, drei Kanonen, fünf Panzern und zehn gepanzerten Fahrzeugen vorrücken. Am Folgetag gerät der Kommandant Alfredo Di Dio in der Bocche di Finero in einen Hinterhalt und wird getötet. Die Einheiten VALDOSSOLA und VALTOCE versuchen bis zum 13. Oktober das Val d'Ossola zu halten, müssen aber letztlich - nach Kämpfen in Candoglia, Bèttola und Cuzzago - dem andauernden Artilleriefeuer weichen. Nach 17 Uhr am 14. Oktober marschieren die Faschisten in Domodossola ein. Die Stadt ist halbzerstört. 35000 Menschen halten sich hier jetzt auf, obwohl viele bereits nach Brig in die Schweiz geflüchtet sind.

Die Partisanen sind in drei Einheiten aufgesplittert, die sich nun im Val Divedro, im Val Formazza und im Val Sesia befinden. Eine letzte Attacke der Partisanen findet am 19. Oktober statt, dabei werden einige Faschisten gefangengenommen. Mit dem Gegenangriff der Faschisten vom 23. Oktober endet in der Gegend des Lago Kastel die kurze bewegte Geschichte der Freien Republik Ossola. Letztlich bleiben lediglich 150 Partisanen übrig, die im Val Sesia Zuflucht finden, dort ihre Niederlage aufarbeiten und sich erneut zusammenschliessen. Zwischen Ende 1944 und Anfang 1945 kehren zwei Partisaneneinheiten erneut ins Ossola zurück und kämpfen dort bis zum Ende des Krieges.

Quellen

Casa della Resistenza Fondotoce
Associazione Nazionale Partigiani d'Italia ANPI
montagnavissuta.it
Nino Chiovini: I GIORNI DELLA SEMINA (Vangelista Editori, Milano 1995)
Nino Chiovini: MAL DI VALGRANDE (Tararà Edizioni, Verbania 2002)
Erminio Ferrari: IN VALGRANDA (Tararà Edizioni, Verbania 1996)

und andere Quellen des Internet

Zurück